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Ein greifenfurter
Held
Weiland
saß ich mit Meister Precker in einem Nebenraum der Druckerei seines Bruders. Während
wir uns unterhielten, konnte man durch die Wände das Ächzen der hölzernen
Druckerpressen hören und der Geruch der Tinte war allgegenwärtig. Viel war in
der letzten Zeit zu drucken, auch wegen des Jubiläumsfestes der Befreiung von
den Orken, das dieses Jahr in Greifenfurt begangen wurde. Und das war auch der
Grund, warum ich den Meister ein wenig ausfragte. „Wer ist denn eigentlich
dieser Baron Argaen Düsterfluß von Orkenwall, von dem beinahe die ganze Stadt
redet, seit es heißt, er solle die Rede zur feierlichen Einweihung der neuen
Stadtmauer halten? Er scheint ja ein wahrer Held zu sein. Meister Precker, Ihr
habt doch selbst gegen den Schwarzpelz gekämpft, könnt Ihr mir etwas über ihn
erzählen?“
„Mein
Kind, so hoch ich auch deine hesindegefällige Neugier achte, man merkt doch,
dass du dein halbes Leben in Wagenhalt verbracht hast. Eine Greifenfurterin und
kennt den Orkenwaller nicht, ist denn das zu fassen? Koche doch noch einen Tee,
das ist – weiß Rondra – ein längeres Thema.“ Und leiser murmelte er vor
sich hin „Man fragt sich wirklich, was diese Schlangendiener dem Mädchen
beigebracht haben, es kennt ja nicht einmal seine eigene Geschichte. Nun ja, zum
Glück bin ich schließlich auch noch da.“
Ich
tat also, wie mir geheißen, und bei einer heißen Tasse Kräutertee fing
Sibelian an zu erzählen:
„Seine
Hochgeboren von Orkenwall trat schon früh zu Beginn des Krieges in Erscheinung.
Der Pflanzer, der alte Markgraf, hatte die Waffenfähigen zusammengerufen, aber
nachdem der Baron dort seine Pflicht getan und ihm seine Landwehr und die Hälfte
seiner Ritter zugeführt hatte, ruhte er nicht, bis er noch einen Haufen Söldner
angeworben hatte – und glaube mir, Selissa, damals haben diese Haderlumpen
wirklich horrende Preise verlangt - um sich für das Schlimmste zu wappnen.
Damals hatte ich noch mein Augenlicht und ich habe den Baron einmal gesehen; ich
kann dir sagen, ein stattlicher Mann war das in der Blüte seiner Jahre, wohl
Ende 30, braunes Haar und schwarze Augen mit dem Blick eines Adlers, der starke
Körper eines Kriegers; jeder Zoll ein Befehlshaber. Inzwischen dürfte er wohl
ein wenig in die Jahre gekommen sein.
Nun
ja, jedenfalls gründete er mit einigen anderen Baronen die ‚Greifenfurter
Freiheitsliga’, als die Hälfte des übrigen Adels noch unentschlossen war, ob
sie nun gegen Answin den Thronräuber oder den Schwarzpelz ziehen sollten oder
vielleicht doch lieber in der Sicherheit ihrer eigenen Burgen bleiben. Das stand
damals sogar im Aventurischen Boten. Irgendwo da hinten in der Schublade“,
vage deutete der Blinde auf eine Ecke des Regals, „habe ich noch ein paar von
den Kriegsboten, aber sei bloß vorsichtig, sie sind angebrannt und wenn man sie
zu hart anfasst, dann zerfallen sie einem zwischen den Fingern.“
„Ich
werde sie später mit aller gebotenen Vorsicht lesen, Meister. Doch nun erzählt
bitte weiter.“
„Ja,
ja, schon gut. Die hohen Herren und Damen der Freiheitsliga waren sich aber wohl
nicht so ganz einig untereinander, jedenfalls haben sie sich mit ihren Truppen
verteilt. Argaen Düsterfluß hatte inzwischen eine Truppe von einem halben
Regiment Stärke um sich versammelt und war bereit Greifenfurt oder Eslamsroden
zur Hilfe zu eilen, wenn der Schwarzpelz denn durchkäme. Dann kam die Schlacht
am Nebelstein und damit das Ende der Thuranischen Legion – Boron sei ihren
armen Seelen gnädig. Ein paar Wochen später saßen die Orks bereits in unserer
schönen Stadt. Der Orkenwaller hatte sich inzwischen den Truppen des damaligen
Prinzen Brin angeschlossen und gemeinsam fochten sie in der Schlacht von
Orkenwall, der ersten, sollte ich wohl sagen. Die Orks haben dann einen Keil
gebildet mit ihren Menschenfressern und Kampfwagen und wäre Baron Argaen nicht
gewesen mit seinen Leuten und der Prinzengarde, sie hätten sich wie Butter
durch das Reichsheer geschnitten und dem genauso den Garaus gemacht wie der
Thuranischen. Wie ein Felsen hat er mit seinen Leuten gestanden und die
Schwarzpelze kamen nicht durch. Das nenne ich Mut, es hätte gut sein Ende sein
können. Ich glaube, später hat er dafür mächtig wichtige Orden bekommen,
aber frag’ mich nicht welche, soweit ich weiß, hat er sie nie getragen. Dann
kam dieser schlimme Winter 20 Hal, wo wir alle gehungert haben und der Ork saß
bei uns fest, während sie ihn unten bei den Silkwiesen zurückgeschlagen
hatten. Der Baron kümmerte sich um den Krieg und seine Frau wurde derweil auf
der belagerten Burg immer dünner. Er konnte es nicht verhindern, dass sie an
Auszehrung starb. Seitdem hat er nie mehr geheiratet, er muss sie wohl sehr
geliebt haben.
Aber
das erfuhr er erst nach der zweiten Orkenwaller Schlacht. Er hatte sich nämlich
mit der Greifenbergerin und der Baronin von Reichsweg zusammengeschlossen, das
‚Greifenfurter Jungbanner’ nannten sie sich jetzt und dann befreiten sie
zuerst die Stadt Orkenwall und die Burg. Du musst dir vorstellen, auf der einen
Seite die wackeren Leute, hungrig und müde und viel weniger als die schwarze
Pest, der es ja bei uns nicht schlecht ging. Viel mehr als ihren Mut hatten sie
kaum noch. Aber mit dem Ruf ‚Den Sieg für Greifenfurt oder den Tod’ warfen
sie sich den Besetzern entgegen. Mich schaudert’s immer noch, wenn ich daran
denke, dabei habe ich das selbst nur erzählt bekommen. Und die drei Barone
immer vorne weg und ihre Leute angefeuert mit ihrem Beispiel. Rondra sei dank,
haben sie gewonnen.
Danach
zogen sie nach Reichsweg, weil Eslamsroden stark befestigt war, eine orkische
Garnison hatte ja da ihren Sitz. Zu der Zeit muss sich ihnen wohl auch der Baron
Greifentreu von Nebelstein angeschlossen haben, auch nur mit einem Häufchen
Leute, aber immerhin. Das war ein schwerer Kampf, um Reichsweg zu befreien,
viele gute Leute ließen dabei ihr Leben. Man sagt sogar, der Nebelsteiner wäre
nicht mehr, wenn sich der Orkenwaller nicht zwischen ihn und einen Hieb geworfen
hätte, der dem Greifentreu gut und gerne den Rücken hätte spalten können.
Seitdem sind die zwei wohl auch die besten Freunde, wenn man das beim Adel überhaupt
sagen kann.
Jedenfalls
ging es von da an bergauf und Ende 20 haben wir die Schwarzpelze endlich auch
endgültig aus Greifenfurt geworfen.
Ich
glaube ja, wenn der Orkenwaller nicht gewesen wäre, wäre für Brin nicht mehr
viel übrig geblieben, das der Befreiung wert war. Die Greifenbergerin war zwar
auch ein tapferes Mädel, aber sie hatte damals noch wenig Erfahrung, allein hätte
sie das wohl nicht hinbekommen.
Es
war dann eine Zeitlang still um Argaen Düsterfluß, ich glaube, er trauerte um
seine Frau.
Aber
als die Wacht am Finsterkamm befohlen wurde, holte man sich Rat beim Orkenwaller
und er hat dafür gesorgt, dass kein Murks dabei gemacht wird; mehr noch als der
Marschall, wenn du mich fragst. So und jetzt soll er die neue Mauer einweihen,
sagst du? Schade, dass ich ihn nicht noch mal sehen kann, aber wenigstens meine
Ohren sind ja heil geblieben. Was auch immer er sagen wird, ich glaube, aus dem
Mund eines solchen Helden kommt nichts Unwichtiges. Du solltest dir etwas zu
schreiben mitnehmen, Selissa, wenn es soweit ist. Das wäre ein schöner Artikel
für dich.“
Sprach’s
und dann warf mich Meister Precker hinaus, weil er noch zu arbeiten hätte. Aber
ich dachte mir, Hesinde, wer weiß denn schon noch alles, was damals geschehen
ist, außer denen, die dabei waren und es überlebt haben und deswegen habe ich
es gleich aufgeschrieben.
Selissa
Argenquell (NP)
Greifener
Land Markgräflich
Breitenbruck Greifenberg Baronie
Greifenfurt Reichsstadt
Greifenfurt Orkenwall
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