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Greifenfurter
Tracht
Streng
achtet man Praios’ Gebot, und so hält man es auch mit den Kleidern nach den
Gesetzen des Götterfürsten, die die Menschen zu befolgen haben.
Einem
jeden Stand kommt es zu, sich auf bestimmte Art zu kleiden, und nicht etwa durch
eine reichere Tracht einen höheren Stand vorzugaukeln, wie es in anderen
Provinzen lästerliche Unsitte ist.
Dem
leibeigenen Bauern kommt einfache Wollkleidung aus grobgesponnenem Garn zu,
zumeist in Grau, Braun oder ungefärbt, ein Paar Hosen oder Beinlinge, Tunika,
Kittel und Hemd oder Bluse, Rock und Überkleid, dazu wollene Umhänge und
Gugeln oder Filzkappen. Die
wenigsten besitzen mehr als ein Alltagsgewand, das des praiostags durch eine weiße
Schürze oder ein weißes Hemd aufgebessert wird.
Den
freien Bauern ist zudem ein Festtagskleid zu eigen, daß von schwarzer oder
dunkelblauer Farbe ist. Dazu trägt man ein feines Leinenhemd (-bluse) und eine
buntbestickte, kurze Weste, die Frauen oft auch bestickte Hauben, die Männer
den breitkrempigen Filzhut.
Den
reicheren Bauern erlaubt man, die Gewänder mit Silberknöpfen und -ketten zu
verzieren, einfache Leute müssen sich mit Hornknöpfen begnügen. Dazu trägt
man Schnallenschuhe mit einer Horn- bzw. Silberschnalle. Die Ärmsten hingegen können
sich selten etwas anders als ein paar Bundschuhe leisten.
Den
Bürgern und wohlhabenderen Handwerkern kommt ein prachtvolleres Gewand zu, des
alltags ohne großen Zierrat, aus gedeckten Stoffen, des praiostags aber auch üppiger
ausgestaltet, wiewohl auch hier Woll- und Leinenstoffe vorherrschen, jedoch prächtig
bunt gefärbt, ganz nach dem Geschmack des Trägers. Man erlaubt den Bürgern
goldenen Zierrat in Maßen, wiewohl nur die wenigsten sich das leisten können.
Auch Pelzbesatz ist ihnen gestattet, jedoch nur von Eichhörnchen, Otter oder
Lamm.
Kaum
wird man in den Straßen Greifenfurts keinen Bürger in Sammet und Seide wandeln
sehen, denn das kommt allein dem Adel zu. Und üppige Geschmeide wagen nur die
keckesten Bürgerinnen offen zu tragen, gilt doch auch dies als ein
Adelsprivileg.
Wiewohl
dem Adel jeder Prunk zugebilligt sei, die wenigsten verfügen über ausreichend
Taler, sie auf Kleidung zu verschwenden. Erst einmal kommt die Rüstung - so
gibt es die Ritterin an die Tochter wieder - dann magst du dich nach einem
Festkleid umsehen. Der Mangel indes wurde zur Tugend erhoben: Es gilt als
laffenhaft, sich in allzu üppiges Gepränge zu werfen, den Adel trägt man im
Herzen, nicht auf dem Leib. Auch wenn man zugleich sorgsam darauf achtet, seinen
erhabenen Stand nicht durch schäbige Kleidung zu verleumden. Hat ein Baron sich
einmal ein brokatenes oder samtenes Gewand fertigen lassen, so muß es für ein
Leben und darüber hinaus halten. Wohl dem, der die gleiche Statur wie der Vater
hat, er kann von ihm das Prunkgewand ererben, ohne einen Schneider mit
aufwendigen Änderungen bestallen zu müssen. In Greifenfurter Kleiderkammern
findet man oftmals Moden, die andernorts seit Jahrzehnten schon vergessen sind,
was manchem Almadaner ein Schmunzeln entlockt, marschiert ein greifener Baron
mit stolzgeschwellter Brust in seinem Prunkstaat auf dem Hoftag durch die
kaiserlichen Hallen.
Von
allzu extremen Modetorheiten weiß man sich vernunftgegeben fernzuhalten, weiß
man doch, daß so ein Gewand an die nächste, vielleicht gar die übernächste
Generation weitergegeben werden soll. So bevorzugt man in der Regel schlichte,
klassische Gewänder, auch wenn die Ausnahme bisweilen die Regel bestätigt.
Die
pflichtgewordene Sparsamkeit hat indes in Greifenfurt zu einer wahren Blüte
eines Handwerkszweiges geführt, das andernorts von weit geringerer Bedeutung
ist und auch nur selten solch erlauchten Personen zu Diensten sein darf: der
Flickschneiderei. Wo sonst verstünde man sich so gut drauf, zu enge Wämser
geschickt zu weiten, daß niemand die neuen Nähte sieht, abgeschabten Samt
wieder aufzuarbeiten und stumpf gewordener Seide neuen Glanz zu verleihen.
MS
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