|
|
Landschaft
Zwischen
Ange und Dergel erstreckt sich die Markgrafschaft Greifenfurt, Schutz und Schild
des Mittelreiches vor den Schwarzpelzen, Bollwerk wider alle Gefahren, die in
der unzugänglichen Wildnis im Norden lauern. Eingebettet zwischen dem Kosch im
Westen und Weiden im Osten, grenzt die Greifenfurter Mark im Süden an Garetien,
im Norden aber an den schroffen und düsteren Gebirgszug, den man als
Finsterkamm kennt.
Die
Mark ist fürwahr kein liebliches Land, im Schatten der hohen Gipfel erstreckt
sich eine karge Landschaft, nur selten von Praios’ Schein in ein lieblicheres
Licht gehüllt. Grasbestandene Hügel wechseln sich ab mit unwegsamen
Waldgebieten, die weite Teile der Mark bedecken. Erst der südlichen Grenze zu
werden die Hügel flacher und machen weitläufigen Grasebenen Platz.
Im
Herzen Greifenfurts hat man die Wälder zurückgedrängt, hat fleißig gerodet
in den vergangenen Jahrhunderten und das Land urbar gemacht. Dort mutet es einem
kaum anders an als im nördlichen Garetien, adrett liegt ein Feld neben dem
anderen, grast das Vieh friedlich auf den Weiden, und von einem Dorf zum nächsten
sind es nur wenige Meilen.
Einen
besonders lieblichen Anblick bietet das Land im Frühsommer, wenn Praios’
Schein und Efferds Segen die Felder erblühen lassen. Das satte Grün der Wiesen
und Kornfelder mischt sich mit den leuchtend gelbblühenden Rapsfeldern und den
lichtblauen Blüten des Flachses zu einem malerischen Bild.
Im
Herbst aber, wenn Borons Leichentuch sich über das Land breitet, wenn die
Felder wie tot daliegen und das Vieh längst im Stall ist, dann wirkt dieselbe
Landschaft so düster und ausgestorben, daß einen tiefe Schwermut überfallen
kann. Die Greifenfurter aber lassen sich dadurch nicht bekümmern, sie sind es
nicht anders gewohnt.
Fett
und saftig sind die Auen der Breite, wie auch der Bäche, die ihr zufließen. Düstere
Kopfweiden flankieren die satten Ufer, wo Schilf, Pedig und allerlei Auenkräuter
wachsen. Die Flußauen sind der beste Weidegrund, und hier sein Land zu haben,
bedeutet einen relativen Wohlstand. Die Breite, Lebensader der Mark,
ist ein friedvoller Fluß, nur wenige Stromschellen und andere Fährnisse
lauern auf die Schiffer. Doch wie ausgewechselt präsentiert sich der träge
Strom im Frühjahr, wenn durch die Schneeschmelze das Wasser in rauschenden Bächen
die Hänge des Finsterkammes hinabstürzt. Nach einem schneereichen Winter
schwillt der geduldige Strom binnen weniger Stunden zu einem gurgelnden,
donnernden Ungeheuer. Dann heißt es für diejenigen, deren Häuser nahe dem
Ufer stehen, sich und das Vieh in Sicherheit zu bringen, will man nicht von den
Fluten verschlungen werden. So ein Hochwasser kann über Tage, ja Wochen die
Menschen in Atem halten, bis die Fluten wieder sinken.
Wo
nicht von hohem Gras bestandene Hügel sich erstrecken, bedeckt dichter Wald das
Land. In den milderen Gebieten Mischwald, in dem sich Haine aus Birke, Buche und
Eiche mit dichten, unzugänglichen Tannichten abwechseln. Nur wenig gleichen
diese Wälder den lichten Wäldchen, wie man sie aus dem Herzen des Reiches
kennt. Üppig wucherndes Dickicht bedeckt den modrig riechenden Waldboden,
Dorngestrüpp und Farnwälder, gut zwei Schritt hoch und so dicht, daß an ein
Durchkommen nicht zu denken ist, gemahnen an einen Urwald. Die Wäldern tragen
Namen, die allerlei Geheimnisse vermuten lassen, wie Tatzelbusch, Dunkelforst
oder Wolfshain. Nur wenige Pfade durchdringen die unwegsame Wildnis, Wildwechsel
zumeist, die für den gewöhnlichen Reisenden, beritten dazu, nicht taugen.
Umgestürzte Baumleichen versperren einem unvermutet den
gewundenen Weg, auf ihrer Borke wuchern gewaltige Pilze.
Wohl
müht man sich, durch die Wälder gen Weiden und dem Kosch Reisewege
freizuhalten, ein endloser, mühsamer Kampf gegen die wuchernde Vegetation.
Lenkt
man seinen Schritt über den Nôrrnstieg gen Weiden oder gar zum Finsterkamm,
dann wird der Weg zwischen den einzelnen Ansiedlungen mit einem Mal länger, und
rarer werden die bestellten Flächen. Da kann es geschehen, daß man zwischen
zwei Weilern einen unheimlichen dunklen Wald durchmessen muß, und einzig der
leidlich instand gehaltene Pfad erinnert daran, daß hier bisweilen Menschen
wandeln. Wie Oasen wirken die Felder und Weiden der Bauern inmitten der rauhen
Wildnis, kleine Inseln der Zivilisation.
Zu
manchen Siedlungen oder einsamen Höfen führt gar überhaupt kein fester Weg,
abgeschieden liegen diese in den unwegsamen Tälern der Berge oder inmitten
eines tiefen Forstes verborgen. Zwar erstrecken sich die Grenzen der
Finsterkammbarone vorgeblich bis zu den Gipfeln des düsteren Gebirges, doch
sind solche Landzumessungen doch eher symbolisch zu sehen, angesichts der
Unwegsamkeit des Geländes. Und so mag es vorkommen, daß mancher Baron ein oder
gar mehrere Weiler sein eigen nennt, von denen er nichts weiß, geschweige denn,
daß er sie je gesehen hat. Und auch die Leute ahnen nichts von ihrem Herren,
gehen seit Generationen ihrem Tagwerk nach, ohne sich darum zu bekümmern, ob
immer noch Reto Kaiser ist oder längst ein anderer. Reisen, das tun nur Verrückte,
und wozu auch, das Land schenkt einem doch alles Notwendige.
MS
|